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Aus Anlass des EKN-Berichtes über Bothel Materialien zu Benzol und seinem krebserzeugendem Potential

Sammlung nützlicher Links und Hinweise, um sich schnell einen Überblick zu verschaffen.

(Zusammengestellt von Rudolf Stratmann, 18.09.2014)


 

Benzol, was ist das  - Link aufs Wiki

 

Benzol, ist das nicht verboten? Schon seit den frühen 70ern? Und wieso haben wir das HEUTE als Krebserzeuger im Verdacht?

Link auf die entsprechende Verbotsverordnung, dort heisst es im Abschnitt 6 / Benzol:

"Benzol und Zubereitungen mit einem Massengehalt von 0,1% oder mehr Benzol dürfen nicht in den Verkehr gebracht werden."

ABER:

Das Verbot nach Spalte 2 gilt nicht für

1.
Treibstoffe, die zum Betrieb von Verbrennungsmotoren mit Fremdzündung bestimmt sind,
2.
Stoffe und Zubereitungen, die zur Verwendung bei industriellen Verfahren in geschlossenen Systemen bestimmt sind,
3.
Rohöl, Rohbenzin und Treibstoffkomponenten, die für die Herstellung der unter Nummer 1 genannten Treibstoffe bestimmt sind,
4.
Stoffe und Zubereitungen, die zur Ausfuhr bestimmt sind, und
5.
Lehr- und Ausbildungszwecke.

 

Das Benzol-Verbot gilt also nicht 100%ig und es gilt nicht bei:

"Stoffe und Zubereitungen, die zur Verwendung bei industriellen Verfahren in geschlossenen Systemen bestimmt sind"

Das erklärt zunächst einmal, warum wir nicht überrascht sein sollten, dass bei der Gasförderung und beim Fracking Benzol durchaus regelhaft eingesetzt wird.

Wenn man sich fragt, warum das sein kann, obwohl Benzol doch als Karzinogen erkannt ist und verboten sein soll, kann man nur unterstellen, dass dem Gesetzgeber gesundheitliche Gefährdungen der Bevölkerung weniger wichtig sind als das reibungslose, nicht durch Umwelt- und Gesundheitsauflagen "eingeschränkte" Funktionieren der Industrie. Verkauft wird diese Haltung, eine legal-zulässige alltägliche Vergiftung als normal hinzustellen, u.a. durch die Annahme von "Grenzwerten" bzw. der Vermutung, dass geringe Mengen des Schadstoffes "ungefährlich" seien.

Nun ist aber immer wieder, so auch bei Benzol, der Verdacht naheliegend, dass diese Vermutung nicht stimmt.

Wie von Bollati et al. in 2007 gezeigt, kann Benzol auch im Niedrigdosis-Bereich die kanzerogene Wirkung ausüben.

 

Flächenmässige Verteilung von VOCs in der Luft über Gasfödergebieten

Kürzlich wurde bekannt, dass Innsbrucker Forscher mit einer neu entwickelten Messtechnik im Rahmen eines von der NASA in Colorado durchgeführten Projektes nachgewiesen haben, dass u.a. Benzol nachzuweisen ist in der Luft über Gebieten, in denen gefrackt wird.

Zitat aus einer Veröffentlichung der Uni Innsbruck:

"Doch die neue Fördertechnik, kurz Fracking genannt, ist nicht unbedenklich. „Bei der Förderung, Aufbereitung und Verteilung gelangen über zahllose Lecks klima- und gesundheitsschädliche Gase in die Atmosphäre“, sagt Armin Wisthaler vom Institut für Ionenphysik und Angewandte Physik der Universität Innsbruck."

 

Es sind also 2 Sachverhalte, die kaum noch strittig sein dürften, die der Debatte über die Ursachen des gehäuften Vorkommens von Multiplen Myelomen und Non-Hodgkin-Lymphomen in der Samtgemeinde Bothel zugrunde gelegt werden können:

1. Benzol könnte eine Ursache sein, es wird dort in der Region auch flächenmässig vorhanden sein und selbst geringe Konzentrationen / Dosen sind nicht unproblematisch.

2. Benzol ist x-fach als krebserzeugend nachgewiesen worden, vor allem im Bereich der Lymphome und Leukämien.

Um sich einen Überblick über die Klassifikation der zahlreichen Unterformen dieser Erkrankungen zu verschaffen, ist das ICD-10-Verzeichnis beim DIMDI nachzuschlagen, die Klassifikation geht von C81 bis C96.

 

IARC Monograph Benzene

The International Agency for Research on Cancer (IARC) der Weltgesundheitsorgansisation mit Sitz in Lyon hat seit Jahrzehnten in Monographien das Wissen über krebserzeugende Stoffe oder Felder zusammengetragen:

"IARC Monographs on the Evaluation on Carcinogenic Risks to Humans"

 

in dem Band / Volume 100 F ( 628 Seiten, hier herunterladbar ), in dem der Stand des Wissens von Oktober 2009 niedergelegt ist, befindet sich ein 46-seitiges Kapitel über Benzol, ab Seite 249, 46 Seiten lang, hier einzeln herunterladbar.

 

Benzol / multiples Myelom (MM) / Non-Hodgkin-Lymphom (NHL)

Es heisst in dem IARC-Benzol-Kapitel auf der Seite 258:

"In IARC Monographs Supplement 7 (IARC, 1987) benzene was classified as a Group-1 carcinogen, citing additional evidence of an increased incidence of acute nonlymphocytic leukaemia (ANLL) in workers exposed to benzene in three cohort studies, including an update of a cohort cited in Volume 29 (IARC, 1982).

Since 1987, there have been numerous reports from cohort studies in populations exposed to benzene, including updates of earlier reports, and new case–control studies of leukaemia or its subtypes, non-Hodgkin lymphoma (NHL), multiple myeloma ... "

Eine mögliche Verbindung von Benzol-Exposition und dem Auftreten von den in der Samtgemeinde Bothel festgestellten Krebserkrankungen kann also aufgrund der Studienlage schon seit knapp 3 Jahrzehnten angenommen werden.

Auf den Seiten 260 und 261 der IARC-Veröffentlichung finden sich die Literatur-Hinweise zum NHL und zum MM, allerdings gehe ich hier zunächst nur den Hinweisen zum MM nach (die Abweichung der beobachteten Fallzahl von der erwarteten war beim MM noch krasser als bei den NHL-Entitäten):

"Most cohort studies showed no association with multiple myeloma (MM) (Table  2.11available at).

However, there was a statistically significant excess of MM reported for the Pliofilm cohort (SMR 4.1; 95%CI: 1.1–10.5, based upon fourdeaths) (Rinsky et al., 1987), which did not persist in the most recent update (Rinsky et al., 2002; see Table  2.11 online).

In a cohort study among chemical workers at the Monsanto chemical company suggestive evidence was found of adose–response relationship (Collins et al., 2003), while in a cohort study of Norwegian workers in the upstream petroleum industry (i.e. the phases of oil extraction and initial transportion, which entail extensive exposure to crude oil) a significant increased risk for MM was found (Kirkeleit et al., 2008).

Case–control studies of MM with estimates of exposure to benzene largely show no association(Table 2.12 available at).

An exception was an early study in which a significant association was found between risk for MM and the proportion of cases and controls with “solvent/benzene” exposure (La Vecchia et al. ,1989).

In another study, borderline signifiant effects were detected (Costantiniet al., 2008).

In a large multicentre case–control study of NHL in Europe there was no association of benzene exposure with MM (Coccoet al.,2010).

A meta-analysis by Infante (2006) analysed data from seven well defined “benzene cohorts”outside of petroleum refining and found a statistically significant increase in risk for MM (RR 2.1; 95%CI: 1.3–3.5)."

Die Literatur zum MM im Einzelnen

Zunächst eine Vorbemerkung:

Will man die jeweilige Aussagefähigkeit von Studien abschätzen, muss man sich über das "Level of evidence (s. hier ein Link auf die Übersicht der EBM-Evidenz_basierten_Medizin)" im klaren sein, auf dem man sich mit einem bestimmten Studien-design bewegt.

Wenn irgendwelche Experten eine Meinung von sich geben, ist das in der "Evidenz"-Hierarchie ganz unten (Level 5), wenn es eine möglichst auch noch grosse Studie gibt, die kontrolliert-randomisiert und doppelt-blind ist, so ist das die höchste Evidenz-Stufe (1b). Randomisiert (die Studien-Teilnehmer werden per Zufallsprinzip den Studien-Armen zugeordnet), kontrolliert (es gibt immer mindestens ein Verum-Arm (in dem z.B. der zu testende medikamentöse Wirkstoff verabreicht wird) und mindestens eine Kontroll-Gruppe (die ein Plazebo bekommt) weder der Arzt noch der Patient weiss, was in der Pille drin ist = doppelt-blind - das ist die Ideal-Form eines RCT = Randomized Controlled Trial, der aber im Zusammenhang mit Umweltschadstoffen nicht anwendbar ist. Wir können nicht 1000 Menschen in eine Benzol-Vernebelungs-Kammer einsperren, während die anderen 1000 in einer Umgebung sich aufhalten müssen, in der die Luft zwar auch nicht ganz frisch riecht und abwarten, wann die ersten Benzol-Vergifteten umfallen. Das wäre dann zwar ein echter "Beweis" im Sinne höchster Evidenz, aber der verbietet sich natürlich. Also muss man bei der Aussagekraft von Studien mit einer niedrigeren Beweiskraft vorliebnehmen, die aber für die politische Entscheidung, die Bevölkerung vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen schützen zu wollen, völlig ausreichend ist.

Jedenfalls kommen die Studien-Kategorie von kontrollierten Fallstudien (gegenüber einer dokumentierten Anzahl von Einzelfällen steht eine Kontrollgruppe) mit dem Evidenz-Level 3b sowie Kohorten-Studien (2b) bei der epidemologischen Untersuchung von Umweltfaktoren zum Tragen, abgesehen von Einzelfall-Darstellungen, die schon Hinweise geben können für grössere Untersuchungen.

Bei den geeigneten Bevölkerungs-Kohorten für eine Studie über Benzol bieten sich natürlich Arbeiter an, die berufsbedingt mit Benzol in Berührung kommen. Insofern sind diese arbeitsmedizinischen (occupational) Studien vorherrschend. Hier ist auch der grösste wissenschaftliche Streit nachzulesen, sind doch grosse Studien gerade von betroffenen Konzernen der Petrochemie in Auftrag gegeben worden, sicherlich nicht, um eine Schadwirkung von Benzol nachzuweisen.

Die IARC-Bericht sagt nun, dass weder bei den meisten ausgewerteten Kohorten-Studien noch bei den kontrollierten Fallstudien ein Zusammenhang zwischen Benzol und dem MM festgestellt worden ist. Gleichwohl ist damit die Berichterstattung nicht zu Ende, weil es doch Studien gibt, die in der Tat Hinweise auf einen Zusammenhang geben. Ausserdem sind neuere Studien-Ergebnisse in dem IARC-Bericht noch nicht enthalten.

Robert A. Rinsky hat 1989 diesen Artikel Studie veröffentlicht: "Benzene and Leukemia: An Epidemiological Risk Assesment". Mr. Rinsky ist vom National Institute of Occupational Health and Safety, 4676 Colum Parkway, Cincinnati, OH 45226. Er bezieht sich auf die Veröffentlichung 2 Jahre zuvor im NEJM = New England Journal of Medicine "Benzene and Leukemia", die leider nicht im fulltext verfügbar ist, es ist eine Kohorte von Arbeitern in der Gummi-Industrie (Herstellung von PlioFilm) untersucht worden. Allerdings ist diese Studie bereits ein Follow-Up der 10 Jahre vorher veröffentlichten ersten Studie, Infante et al., LANCET 1977, "Leukemia in Benzene Workers". Dort wurde ein 5-fach erhöhtes Risiko an Leukämie zu versterben festgestellt und ein 10-fach erhöhtes Mortalitäts-Risiko für MM. Von Seiten der Ölindustrie ist den Ergebnissen dieser Kohorten-Studie heftig widersprochen worden - dies nur als Beispiel, auch anderen Studien, in denen eine Schadwirkung von Benzol am Arbeitsplatz nachgewiesen wurde, wurde (natürlich) von Seiten der Industrie bzw. ihrer beauftragten Wissenschaftler widersprochen. So argumentiert z.B. Mary Burr Paxton vom American Petroleum Institute, dass die in der Pliofilm-Kohorte untersuchten Leukämie-Todesfälle alle schon sehr alt seien (die Pliofilm-Studie bezog sich auf die 40er Jahre) und seit den 50er Jahren die Hygiene in beiden zur Diskussion stehenden Firmen doch so viel besser geworden sei, dass kein Risiko mehr bestehe.

In der 1986 veröffentlichten Pliofilm-Studie von Rinsky waren 4 beobachtete MM-Todesfälle aufgeführt, gegenüber nur 1 zu erwartenden Todesfall. In dem Update von 2002, der auch nur im abstract zugänglich ist, wird von weiteren 4 MM-Todesfällen berichtet, allerdings sollen 3 davon nicht gegenüber Benzol exponiert gewesen sein ("Four new multiple myeloma deaths occurred, three of which were in workers judged to be unexposed"), merkwürdig.

Collins et al. haben in 2003 eine Kohorten-Mortalitäts-Studie von 4.417 Chemie-Arbeitern bei Monsanto veröffentlicht, die interessanterweise ein unterschiedliches Ergebniss zum MM gefunden hat:

"Lymphohaematopoeitic cancer mortality was examined among 4417 workers at a chemical plant by cumulative and peak benzene exposure. There was little evidence of increasing risk with increasing cumulative exposure for all leukaemias or acute non-lymphocytic leukaemias (ANL), or the other lymphohaematopoeitic cancers with the exception of multiple myeloma."

Beim MM kann sich also die kumulative Wirkung der Exposition gegenüber Benzol in einem wachsenden Risiko, die Krankheit zu bekommen, niederschlagen.

In der wieder nur als abstract zugänglichen Veröffentlichung von Kirkeleit et al. aus dem Jahre 2008 wird festgestellt, dass die Benzol-Exposition das Risiko erhöht, an akuter myeloischer Leukämie und an multiplem Myelom zu erkranken.

"The results suggest that benzene exposure, which most probably caused the increased risk of acute myelogenous leukemia, also resulted in an increased risk of multiple myeloma."

 

In der Meta-Studie (also eine Studie über andere Studien, hier von 7 Kohorten-Studien) von Peter Infante aus dem Jahre 2006 "Benzene Exposure and Multiple Myeloma" wird festgestellt:

"A meta-analysis of data from all well-conducted benzene cohort studies demonstrates a statistically significant elevation in the risk of death from MM."

Benzol, Metabolismus, Suszeptibilität

Ein sehr hilfreicher Artikel zum Verständnis dessen, was im Organismus bei Benzol-Exposition passieren könnte, ist im Jahre 2010 von Martyn T. Smith veröffentlicht worden: "Advances in Understanding Benzene Health Effects and Susceptibility".

[ nebenbei erwähnt, es gibt einen tollen Vortrag von Martyn T. Smith im Internet zum Thema "The Exposome and early life exposures" ]

Smith beschäftigt sich mit den Stoffwechsel-Produkten des Benzols - die diesebezüglichen Graphiken sind auch in die IARC-Monographie aufgenommen worden -, die die eigentlich gefährlichen Substanzen sind, was die Erzeugung von Krebserkrankungen angeht.

Dr. Kruse hat in einer im Internet verfügbaren kurzen Darstellung des Metabolismus, als Beispiel nimmt er Benzol, eine leicht verständliche Einführung gegeben.

 

 

 

Metzger Law Group, California

Eine kalifornische Rechtsanwaltskanzlei hat im Internet sehr schön die Literatur zu Benzol und MM zusammengestellt und auch auf die Versuche hingewiesen, von der Industrie finanzierte Gegen-Papiere zu fabrizieren, um vor Gericht die Unbedenklichkeit des Benzols nachweisen zu können.

Von der Metzger Law Group ist im Juli 2010 ein erfolgreicher Gerichts-Fall von Entschädigung aufgrund von Benzol-Exposition geführt worden: Frank and Amy Sundquist vs. BP West Coast

"Der Ankläger (Frank Sundquist) hatte von 1988 bis 1998 bei Freeman's Auto Parts & Paint Store gearbeitet, hatte Anstrich-Farben gemischt und Lack-Verdünner eingesetzt, um seinen Arbeitsbereich und seine Hände zu reinigen. Ende 2006 erkrankte er im Alter von 43 Jahren an MM, einem Krebs, der normalerweise erst mit ca. 70 Jahren diagnostiziert wird und sehr selten bei Patienten unter 50 Jahren ist."

"Der Ankläger trug vor, dass die Exposition zu Benzol in den Farben und den Verdünnern sein MM verursacht hat."

"Der Ankläger musste sich Chemotherapie unterziehen und einer Stammzelltransplantation bei aufgelaufenen Kosten von 1,15 Mio. $. Der Ankläger machte ausserdem generelle Schädigungen geltend."

 

"Result. After several mediation sessions and a Mandatory Settlement Conference, the case settled for a total of $2,146,000.  This is believed to be the largest settlement to date of a benzene-multiple myeloma case nationwide."