GENUK-Bereich „Krebs und Umwelt“


25.09.2014


Rudolf Stratmann, Überlegungen und Thesen zum Thema, um die Arbeit in der Selbsthilfe besser zu fundieren. 

Dies ist nicht als einheitlicher Artikel gedacht, sondern als virtuelles Diskussions-Papier, als Sammlung verschiedenster Aspekte, Meinungen und Perspektiven zur Krebs-Debatte, aus Patientensicht. Jeder ist eingeladen, an dieser Diskussion teilzunehmen. Im übrigen ist dies ein "work in progress", also eine laufend zu verbessernde und auszubauende Seite.

Mein Dank für Kritiken und Anregungen gilt neben den GENUK-Mitstreitern

insbesondere Frau Prof. Irene Witte und Herrn Dr. John Ionescu. 

Bitte Kommentare, Kritiken, Beiträge, Fragen - auch zu einzelnen Punkten - schicken an: vorstand@genuk-ev.de  -  Danke!

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                                   Derzeit ist diese Seite in 6 Kapitel / Teile gegliedert:

                                   Teil 1  -  Ist Krebs eine zunehmende Bedrohung?

                                   Teil 2  -  Was ist Krebs? Wie kommt es zu Krebs?

                                   Teil 3  -  Krebstheorien

                                   Teil 4  -  Genetik / Epigenetik

                                   Teil 5  -  Krebs und Umwelteinflüsse (folgt)

                                   Teil 6  -  Krebs und Umweltmedizin (folgt)

 

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Teil 1 - Ist Krebs eine zunehmende Bedrohung?

 

 

Überlegungen / Thesen

Referenzen

[1.1]
Krebs, fehlgeleitetes Wachstum, der „König aller Krankheiten“, betrifft immer mehr Menschen, die Inzidenz steigt weltweit weiter an, auch wenn die Mortalität in den Industrieländern tendenziell zurückgeht. Das Bevölkerungswachstum als Grund für die absolute Zunahme und die steigende Lebenswartung als Grund für die steigende Inzidenz anzusehen führt aber dann, wenn nur dies benannt wird, in die Irre, vielmehr kommt hinzu „die Ausweitung des typisch westlichen Lebensstils“ und die steigende Umweltbelastung gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern, ausserdem ist Altern keine Krankheit.

 

[1.1]
Siddhartha Mukherjee, Der König aller Krankheiten, Dumont, 2012, 670 S.

Clifton Leaf, The Truth in Small Doses: Why We're Losing the War on Cancer - and How to Win it, Juli 2013, ISBN 9781476740003, 512 S.

Epstein et al., The Crisis in U.S. and International Cancer Policy, 2002,
http://www.preventcancer.com/press/pdfs/ijhs_crisis_2002.pdf

International Agency for Research on Cancer:
http://ci5.iarc.fr/CI5plus/ci5plus.htm

Bray et al., Global cancer transitions according to the Human Development Index (2008—2030): a population-based study, 2012,
http://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045(12)70211-5/abstract

Als Beispiel für den rapiden Anstieg der Krebsraten in den Entwicklungsländern:
2010, Alatise/ Schrauzer, Lead Exposure: A Contributing Cause of the Current
Breast Cancer Epidemic in Nigerian Women
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2883097/pdf/12011_2010_Article_8608.pdf

[1.2]  

Mit der Vorstellung des aktuellen World Cancer Report im Februar 2014 ist noch einmal eindringlich die weltweit weiter wachsende Last zunehmender Krebs-Erkrankungen unterstrichen worden. Von heute 14 Mio. neuen Krebsfällen jährlich wird in den nächsten 2 Jahrzehnten die Zahl auf 22 Mio. steigen, diejenige der Krebstoten von heute 8,2 Mio. auf 13 Mio. Die jährlichen Kosten werden auf über eine Billion US-Dollar geschätzt. Die Botschaft der WHO-Forscher aber lautete: Es sind dringend präventive Massnahmen erforderlich, denn mit Behandlungs-Strategien allein ist der Kampf gegen den Krebs nicht zu gewinnen.

[1.2]

Presseerklärung WHO / IARC vom 3.Februar 2014:

http://www.iarc.fr/en/media-centre/pr/2014/pdfs/pr224_E.pdf

Artikel in der Ärztezeitung:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/article/854409/weltkrebsbericht-lungenkrebs-haeufigsten.html


[1.3]

Wie genau sehen derzeit die Zahlen bzgl. der Krebs-Erkrankung aus? Die wichtigste Quelle hierfür sind die Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ihrem in Lyon ansässigen Institut International Agency for Cancer Research (IARC). GLOBaler CANcer, weltweite Darstellung von Krebs, das ist das GLOBOCAN-Projekt des IARC, das im Internet für jeden Interessierten äusserste informative Darstellungen bereithält.

 

Die Krebs-Inzidenz -als die Anzahl der Neuerkrankungen pro Zeiteinheit und bezogen auf jeweils 100.000 Menschen- :

 

Sie ist um mindestens den Faktor 3 weltweit unterschiedlich (z.B. Indien 93-96 gegenüber Nordamerika/Westeuropa/Australien ca. 300 bis weit über 300), im Vergleich einzelner Krebs-Entitäten ergeben sich noch viel grössere Unterschiede. So kann man für den Prostatakrebs (PCa) leicht einen Faktor des zig-fachen feststellen, nimmt man Regionen, in denen klinisch relevanter PCa kaum vorkommt und vergleicht mit Regionen hoher Inzidenz.

Die Krebs-Statistik-Datenbank der WHO / des IARC "Globocan" liefert entsprechende Daten mit Angaben über die Qualität der Daten.

 

Die Mortalität:


Sie ist um den Faktor 2 bis 2,5 weltweit unterschiedlich (z.B. Indien mit 63 bis 49 oder Mexiko mit 68 gegenüber 120 bis 140 in unterschiedlichsten vor allem armen Ländern), im Vergleich einzelner Krebs-Entitäten ergeben sich noch viel grössere Unterschiede.

 

Sowie die 5-Jahres-Prävalenz -als die Anzahl der Erkrankten innerhalb von 5 Jahren nach Diagnose-

 

All das kann den Daten des GLOBOCAN-Projektes der WHO (für das Jahr 2012) entnommen werden.

[1.3]

WHO / IARC - Globocan 2012, Estimated Cancer Incidence, Mortality and Prevalence Worldwide in 2012

http://globocan.iarc.fr/Default.aspx

Hier auf die Population Fact Sheets gehen

http://globocan.iarc.fr/Pages/fact_sheets_population.aspx

bzw. die Cancer Fact Sheets

http://globocan.iarc.fr/Pages/fact_sheets_cancer.aspx

Hier die Suche "populations by cancer", in der man eine einzelne Krebs-Entität selektieren kann und deren Inzidenz bzw. Mortalität über die Länder bekommt:

http://globocan.iarc.fr/Pages/summary_table_site_sel.aspx

[1.4]

Eine zweite wichtige WHO / IARC - Quelle sind die World Cancer Reports, für 2003 (mit den Zahlen von 2000) und 2008 frei verfügar, während der aktuellste von 2014 kostenpflichtig ist.

[1.4]

World Cancer Reports:

http://www.iarc.fr/en/publications/pdfs-online/wcr/2003/index.php

http://www.iarc.fr/en/publications/pdfs-online/wcr/2008/index.php

 

[1.5]

Die altersstandardisierten Zahlenangaben aus diesen Quellen ergeben im Vergleich der 12 Jahre zwischen 2000 und 2012 dieses (wobei in Klammern die jeweilige absolute Steigerungsrate in Prozent steht):

Die weltweite Rangfolge von Inzidenz und Mortalität laut Globocan

 

2012/Inzidenz 2000/Inzidenz 2012/Mortalität 2000/Mortalität

Lunge (31,15)

Lunge Lunge (30,68) Lunge
Brust (37,37) Brust Leber (26,63) Magen
Dickdarm (30,69) Dickdarm Magen (10,65) Leber
Prostata (51,25) Magen Dickdarm (29,24) Dickdarm
Magen (8,05) Leber Brust (28,71) Brust
Leber (28,05) Prostata Oesophagus (16,03) Oesophagus
Cervix (10,92) Cervix Pankreas (35,83) Cervix
Oesophagus (9,83) Oesophagus Prostata (33,65) Pankreas
Blase (22,06) Blase Cervix (12,29) Prostata
Non-Hodgkin (25,86) Non-Hodgkin Leukämie (26,92) Leukämie
Leukämie (27,27) Oral cavity Non-Hodgkin (19,85) Non-Hodgkin
Pankreas (36,37) Leukämie    
  Pankreas    

 

Festzuhalten ist zum einen, dass sich ein relativ stabiles Bild der wichtigsten Krebs-Entitäten weltweit zeigt, es gibt kaum Verschiebungen, der Lungenkrebs ist nach wie vor weltweit der grösste Krebs-Killer. Zum anderen zeigen sich bedenkliche Zunahmen sowohl in der Inzidenz wie Mortalität. Zwar hängen diese Zunahmen mit dem Bevölkerungswachstum und der Zunahme der Lebenserwartung z.T. zusammen, aber sie sind auch eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung in den ärmeren Ländern und Schwellenländern und der damit verbundenen Übernahme des "westlichen Lebensstils". In Nordamerika, Westeuropa und Australien gibt es im Verhältnis zur Bevölkerungsanzahl eine viel höheren Krebserkrankungsrate als in z.B. in Indien, Südostasien, Teilen von Afrika. Allerdings:

Beim Brustkrebs, Prostatakrebs und Darmkrebs (Inzidenz) sieht die Rangfolge der Länder mittlerweile so aus:

 

Brustkrebs Prostatakrebs Darmkrebs
USA USA China

China

Frankreich USA
Indien Brasilien Japan
Deutschland Deutschland Indien
Brasilien Japan Deutschland
Russland China Russland
Japan UK Italien
Frankreich Italien Frankreich

 

Man sieht, die Schwellenländer haben "aufgeholt".

 


Teil 2 –Was ist Krebs? Wie kommt es zu Krebs?

 

Überlegungen / Thesen: Referenzen:

 

[2.1]

Krebs ist ein Sammelbegriff für eine alte Krankheit, die früher selten auftrat, allerdings zu unserer Zeit bereits zur Todesursache Nr. 2 geworden ist. Es gibt hunderte von Krebs-Typen, insofern provozieren einfache Antworten meist nur weitere Fragen. Gemeinsam ist allen Krebs-Erkrankungen, dass das Zusammenspiel der Zellen in einem Gewebsverband gestört ist und einzelne Zellen entweder durch unangepasste Zellteilung oder durch Wanderung aus dem Gewebsverband heraus zur Gefahr werden.

"Krebs" ist sowohl als Begriff/Diagnose wie auch als Angst einflössendes Wort höchst unpräzise. Smithers meinte schon 1962: "Like other names used in science, cancer is just a shortened way of saying something which cannot be simply defined. Such terms must always be a little vague, and cancer is perhaps only a little vaguer than most."

Inwieweit aber Thesen wie "Krebs ist eine genetische Erkrankung" oder "Krebs ist eine chromosomale Erkrankung" o.ä. hilfreich sind, hängt von der Bereitschaft ab, die komplexe Zell-Regulation in ihrer Kommunikation im Gewebsverbund in einem gegebenen Organismus verstehen zu wollen. Da selbst die normale, physiologische Zell-Regulation durchaus nicht vollständig verstanden ist, dürfte das Verständnis zellulärer oder histologischer Pathologien erst recht begrenzt sein. Krebs-Patienten und Mitmenschen, die an Krebs-Prävention Interesse haben, sind schlecht beraten, wenn sie einfachen, meist einseitigen Krebs-"Erklärungen" folgen, weil diesen meist ebenso einfache wie einseitige Therapie- bzw. Präventions-Vorschläge folgen.

 

[2.1]

Die Krebshilfe macht es sich einfach:

http://www.krebshilfe.de/wir-informieren/ueber-krebs/was-ist-krebs.html

Auch die Krebsgesellschaft ist sich ganz sicher:

http://www.krebsgesellschaft.de/krebsentstehung,11266.html

Das dkfz nimmt mit dem krebsinformationsdienst Stellung:

http://www.krebsinformationsdienst.de/grundlagen/krebsentstehung.php#inhalt3

 

Lancet, 10.03.1962 - D.W. Smithers, Cancer - An Attack on Cytologism:

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0140673662914757

 

Ein erhellender Artikel von Toby Gibson zur Zell-Regulation:


http://pirate.shu.edu/~rawncarr/Regulation-%20Signaling.pdf

 


[2.2]

Eine Betrachtung des grössten Krebskillers Lungenkrebs legt nahe, dass Krebs eine Umweltkrankheit ist: Wurde die Häufigkeit von Lungenkrebs Ende des 19ten Jahrhunderts als äusserst selten oder gar nur auf 1% angesetzt, so hat sich insbesondere ab dem ersten Weltkrieg Jahrzehnt für Jahrzehnt ein derartiger Anstieg abgespielt, dass ein oder mehrere Umwelt-Faktoren dafür verantwortlich sein mussten. Wie wir heute wissen, ist Lungenkrebs derartig eng mit dem Rauchen (selbst mit passivem) assoziiert, dass hier die Haupt-Ursache gesehen werden kann. Die Frage "Was ist Lungenkrebs?" sollte demnach nicht mit "Lungenkrebs ist eine genetische Erkrankung" beantwortet werden, sondern mit Hinweis darauf, welche Bedeutung das Rauchen für die Entwicklung des Lungenkrebses hat.

Aussagen dieser Art "Krebs ist ..." sollte man nicht verwechseln mit Aussagen über das "Wie". Wenn ich irgendwelche molekularbiologischen Einzelheiten /Mechanismen anführe, um damit "Krebs ist"-Sätze zu begründen, verlasse ich die globale Betrachtungsweise und laufe Gefahr, von ursächlichen Umwelt-Faktoren abzulenken.

Wenn man aber sieht, dass trotz klarer seit langem bekannter Erkenntnis über Ursachen die Lungenkrebszahlen weiter ansteigen, kann man ermessen, dass es nicht wissenschaftliche, sondern gesellschaftlich-politische Faktoren sein müssen, die eine Rolle spielen. Wie kann es über so lange Zeit erlaubt sein, die Umwelt mit derartig vielen kanzerogenen Stoffen zu vergiften und tausende Toxine auf die Menschheit loszulassen?


[2.2]

Adler I: Primary Malignant Growths of the Lung and Bronchi:A Pathological and Clinical Study. New York, Longman Green and Company, 1912

 

Einleitung, S. 3:

On one point, however, there is nearly complete consensus of opinion, and that is that primary malignant neoplasms of the lungs are among the rarest forms of disease. This latter opinion of the extreme rarity of primary tumors has persisted for centuries.“

 

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2589239/pdf/yjbm00061-0033.pdf

 

Colin White beschrieb 1989, wie die Forschung zum Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs ein Meilenstein der Krebs-Epidemiologie ist:

 

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2589239/pdf/yjbm00061-0033.pdf

(Bis in die 40er Jahre wurde so z.B. die steigende Lebenserwartung als Ursache für den Lungenkrebs-Anstieg angeführt.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich aus dem Irrsinn, wie der weltgrösste Tabak-Konzern Philip Morris einen Staat verklagen kann, nur weil dieser Staat eine vernünftige Nichtraucherkampagne macht:


http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/philip-morris-tabak-schiedsgericht.html



 

[2.3]

Könnten auch andere Krebserkrankungen im weitesten Sinne vor allem Umweltkrankheiten sein? Dies war zumindest früher Stand der Forschung, wie dem "Krebsatlas der Bundesrepublik Deutschland" von 1984, Frentzel-Beyme et al., zu entnehmen ist, Zitat aus der Einleitung:

"Wie zahlreiche vergleichende Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten immer wieder gezeigt haben, sind die teilweise erheblichen geographischen Unterschiede in der Häufigkeit der verschiedenen Krebsformen zu einem großen Teil auf Faktoren unserer Umwelt zurückzuführen.

Der Begriff "Umwelt" ist dabei im weitesten Sinne des Wortes zu verstehen: er umfasst nicht nur die natürliche Umwelt (Boden, Wasser, Luft), sondern auch die soziale Umwelt (z.B. Beruf, Familienstand, Sozialstatus) sowie die persönliche Umwelt, den individuellen Lebensstil (z.B. Ernährung, Rauchgewohnheiten, Alkoholverbrauch, Drogenkonsum) bis hin zur intrauterinen Umwelt des Foetus."

[2.3]

 

Der Krebsatlas 1984 ist noch antiquarisch zu beziehen:

 

http://www.eurobuch.com/buch/isbn/3540134131.html

 

Im Jahre 1997 ist der Krebsatlas zuletzt erschienen, die Arbeit wird seitdem online fortgeschrieben, hier:

 

http://www.dkfz.de/de/krebsatlas/index.html

 

Dort (Einleitung) ist interessanterweise zu lesen: "Auch das Wissen über die Ursachen der verschiedenen Krebskrankheiten stellt sich heute bemerkenswert anders dar als im Jahre 1984."

Gemeint ist damit, dass man heutzutage wesentlich mehr Hinweise für die Prävention geben kann als früher.

 

[2.4]

Die Anwendung dieses o.a. weiter gefassten Umwelt-Begriffs haben uns Krebs-Betroffene veranlasst, dem GENUK-Netzwerk beizutreten.

Offiziell hat sich eher ein eng-gefasster Umwelt-Begriff unter dem Stichwort "Umwelt und Krebs" durchgesetzt. So schreibt das dkfz: "Der Einfluss der meisten Chemikalien ist nach Einschätzung der meisten Experten im Vergleich zu "hausgemachten" und lebensstilabhängigen Risiken eher gering."

Das dkfz beruft sich auf eine WHO-Konferenz und schreibt:

"Anlässlich einer Konferenz im Jahr 2011 schätzte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Anteil der umweltbedingten Krebserkrankungen weltweit auf knapp ein Fünftel. Diese Aussage bezieht aber vor allem die oft dramatischen Umweltbelastung in Ländern der Dritten Welt mit ein - sie lässt sich nicht automatisch auf die Situation hierzulande übertragen."

Es wird also der Eindruck erweckt, als ob die Situation "hierzulande" mit "Umweltbelastungen", die zu Krebs führen können, nicht mehr viel zu tun hätte.

Aber bezogen auf die vor allem die industriell entwickelten Länder (die alten wie die neuen) betreffenden Krebs-Entitäten Brustkrebs und Prostatakrebs lassen sich leicht Umwelt-Faktoren ausmachen, die in ihrer Menge nicht abnehmen sondern zunehmen, so z.B. die Östrogenisierung der Umwelt durch chemische Stoffe, die eine Östrogenwirkung an den Rezeptoren haben.

So kämpft das englische Projekt Breast Cancer UK schon seit längerem für die Prävention von Brustkrebs, indem die für einen Grossteil der Erkrankung verantwortlich gemachten chemischen Stoffe mit Östrogenwirkung zurückgedrängt werden sollen.

[2.4]

 

Siehe hierzu die Erklärung der ProMann-Gruppe vom 25.11.2011:

 

http://www.promann-hamburg.de/Umwelt.htm

 

 

 

Umweltgifte als Krebsrikio, Krebsinformationsdienst, dkfz:

 

http://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/umweltgifte.php

 

 

"Umwelt und Krebs", dkfz:

 

http://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/umweltgifte.php#inhalt2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Seite von Breast Cancer UK heisst es:

 

http://www.breastcanceruk.org.uk/science

 

"Lifestyle choices and family history clearly play a part in breast cancer risk.

However, these "established causes" account for only 40% of breast cancer causes.

The cause of the other 60% is currently unknown, but there is mounting scientific evidence that increased breast cancer risk is linked to our body burden of all oestrogenic chemicals, not just those that occur naturally."

[2.5]

Die Östrogenisierung der Umwelt ist aber nur Teil der Chemisierung der Umwelt, wie sie in den letzten 150 Jahren stattgefunden hat:

"Mit der Industrialisierung vervielfachten sich die möglichen Krebsursachen. Die meisten der bekannten oder mutmaßlichen Kanzerogene sind Chemikalien, die erst in den letzten 150 Jahren entwickelt worden sind. Da die Stoffe oft nicht isoliert, sondern in Gemischen verwendet oder freigesetzt werden, ist die Abschätzung des Krebsrisikos im jeweiligen Fall entsprechend schwierig." (Krebsgesellschaft)

 

Die IARC hat ab 1970 an einem Kompendium chemischer Karzinogene gearbeitet. Zu jedem der Stoffe wurden Monographien erstellt. Die ursprüngliche Konzentration auf chemische Substanzen wurde schrittweise erweitert auf physikalische und biologische Kanzerogene und auch auf Lebensstil-Faktoren.

Die IARC gruppiert die Kanzerogene in Gruppe 1 bis 4, wobei in der Gruppe 1 derzeit  133 "agents" als mit Sicherheit kanzerogen gelistet sind, Stoffe, Viren, Gifte, auch biologische, und Strahlungsformen.

In der Zuordnungsliste Krebs-Entität => Kanzerogen finden sich auch verschiedentlich Hinweise auf Östrogene.

[2.5]

Deutsche Krebsgesellschaft, krebsauslösende Stoffe:

http://www.krebsgesellschaft.de/umwelt_krebsausloesende_stoffe,1074.html

 

WHO / IARC:

IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans

http://monographs.iarc.fr/ENG/Classification/

Die Präambel zur Geschichte und Methode der IARC-Evaluation:

http://monographs.iarc.fr/ENG/Preamble/CurrentPreamble.pdf

Liste der Kanzerogene sortiert nach Gruppe:

http://monographs.iarc.fr/ENG/Classification/ClassificationsGroupOrder.pdf

Hier sind die einzelnen "agents" den Krebs-Entitäten zugeordnet:

http://monographs.iarc.fr/ENG/Classification/Table4.pdf


[2.6]

Es gibt noch 2 andere Institutionen, die Kanzerogene listen, allerdings nicht unter primär gesundheitlichen Gesichtspunkten: Die EU mit der CLP- Liste (Classification Labelling and Packaging of substances and mixtures) sowie die ACGIH (American Conference of Governmental Industrial Hygienists).


[2.6]

Der EU-Link:

http://ec.europa.eu/enterprise/sectors/chemicals/classification/index_en.htm

und

http://ec.europa.eu/environment/chemicals/labelling/index_en.htm

Der Link zur ACGIH:

http://www.acgih.org/

 

[ 2.7 ]

So einleuchtend das Konzept der Kanzerogene, also die Vorstellung von krebsauslösenden Stoffen, Viren, Giften, Strahlen auch ist, so schwierig ist es im einzelnen, den Weg der Auslösung einer gefährlichen Krankheit auf Gewebs- und Zell-Ebene nachzuvollziehen.

Jedoch kann die störende Wirkung von Kanzerogenen als Zell- bzw. Gewebs-Stress aufgefasst werden, auf den die Zelle reagieren muss. Fulda et al. unterscheiden 4 Stress-Bereiche, in denen die Zelle jeweils spezifisch reagieren muss: Hitzschock-Stress, Stress durch DNA-Schäden, oxidativer Stress und Stress durch Schwierigkeiten bei der Protein-Synthese bzw. dreidimensionalen Faltung.

Bei maligner Transformation aktiviert die Zelle Schutzprogramme für das eigene Überleben, ein Prozess, der nicht nur die einzelne Zelle, sondern auch den Zellverband, das entsprechende Gewebe bzw. Organ, betrifft.

Dabei kann sich der gesamte zelluläre Stoffwechsel umstellen, sodass Krebszellen verglichen werden können mit "sich bei Wundheilung regenerierenden Zellen, den sich replizierenden Zellen in der späten S-Teilungsphase und den fötalen Zellen" (Kremer, 2001, S. 215).

Es gibt aber über die Karzinogenese / Krebsentstehung eine Reihe verschiedener Theorien. Keineswegs ist es so, dass die somatische Mutations-Theorie (SMT) die einzige und erst recht nicht die einzig wahre ist.

Nach dieser Theorie beginnt die Krebsentstehung durch eine durch ein Kanzerogen wie auch immer ausgelöste Mutation an einem Gen, das mit den Mechanismen der Zellteilung zusammenhängt und diese Veränderung ist irreversibel. Das ist der Initiation genannte erste Schritt der Krebsentstehung, es entsteht die eine "Überläufer"-Zelle ("One Renegade Cell"), die der Ursprung des sich dann entwickelnden Tumors ist.

Der Krebsforscher Robert A. Weinberg hat diese klassische Sicht am ausführlichsten in seinen Büchern und Veröffentlichungen dargelegt und vertreten.

Für den folgenden Teil über Krebstheorien ist ausserdem das erste Kapitel "Theories of Carcinogenesis" in dem Buch von G.F.Weber sehr hilfreich.

 

[2.7]

 

 

 

 

Fulda et al., 2010: Cellular Stress Responses: Cell Survival and Cell Death

http://www.hindawi.com/journals/ijcb/2010/214074/

 

 

Heinrich Kremer, Die stille Revolution der Krebs- und AIDS-Medizin, 2001, erweiterte Neuauflage

http://www.akademie-cst.de/basispublikation-der-cst-die-stille-revolution-dr-kremer.html

 

 

 

 

 

Dazu 3 Bücher von Robert Weinberg:

Racing to the Beginning of the Road: The Search of the Origin of Cancer, 1996

sowie

One Renegade Cell - How Cancer begins, 1998

und

The Biology of Cancer, 2te Edition 2013

 

Georg F. Weber: Molecular Mechanisms of Cancer - Kapitel 1: Theories of Carcinogenesis

http://www.springer.com/biomed/cancer/book/978-1-4020-6015-1

 

Teil 3 - Krebstheorien

 

Überlegungen / Thesen Referenzen

[3.1]

Keine Gruppe von Krebsforschern hat die Diskussion in den letzten 20 Jahren derart beeinflusst wie die Gruppe um den Biologen Robert A. Weinberg. Die zusammen mit Douglas Hanahan im Jahre 2000 veröffentlichten "Hallmarks of Cancer" (es waren sechs) sind das meistzitierte Papier in der Krebsdebatte. Im Jahre 2011 fügten sie 2 weitere "Hallmarks" hinzu, aber 2 Jahre später musste einer der beiden Autoren, Hanahan, eingestehen, dass die "designer drugs", die spezielle Krebs-Mechanismen und diese propagierten "Hallmarks" attackieren sollten, die Prüfung nicht bestanden haben.

 

Aufbauend auf der Annahme, dass Mutationen an bestimmten Genen Krebs verursachen (diese Gene wurden Onkogene genannt), schlugen die Autoren ein vereinfachendes System des Verständnisses vor, indem sie einige wenige Regeln oder Mechanismen als die eine Krebsentwicklung charakterisierenden hinstellten. In mehreren Veröffentlichungen zeigten sie zudem, wie einfach es ist, Krebs zu erzeugen, wenn man nur die richtigen Genveränderungen vornimmt. Dass diese Experimente von anderen Forschern nicht bestätigt werden konnten, wurde in der allgemeinen Begeisterung über die "Hallmarks" vernachlässigt.

Die Gewissheit für ihre reduktionistischen Vorschläge nahmen die Autoren aus folgender Überlegung: "Our faith in such simplification derives directly from the teachings of cell biology that virtually all mammalian cells carry a similiar molecular machinery regulating their proliferation, differentiation, and death."

Der Fokus dieser Forscher lag also auf der Komplexitäts-Ebene der Zelle, nicht des Gewebes. In ihrer Begeisterung über die Ähnlichkeit der "molekularen Maschinerie" bei so gut wie allen Säugetier-Zellen bestand die "Vereinfachung" ihres Modells vielleicht darin, sich den Gewebs-Aufbau und die Gewebs-Homöostase zu sehr von den Einzelzellen her, die das Gewebe bilden, zu erklären anstatt von der das Gewebe zusammenhaltenden Gewebs-Kommunikation zwischen den Zellen auszugehen.

[3.1]

2000 - Hanahan/Weinberg, The Hallmarks of Cancer:

http://biotech.bio5.org/sites/default/files/pdf/hallmarks_of_cancer.pdf

2011 - Hanahan/Weinberg, Hallmarks of Cancer: The next generation:

http://www.cell.com/cell/pdf/S0092-8674(11)00127-9.pdf

2013 - Hanahan, Rethinking the War on Cancer:

http://infoscience.epfl.ch/record/195164/files/Hanahan-Cancer_Wars2-Lancet2013%5B3%5D.pdf

"The reality check, however, has been that designer drugs targeting  particular mechanisms and hallmark capabilities have not proved to be magic bullets."

 

1999 - Hahn/Weinberg, Creation of human tumour cells with defined genetic elements

http://www.nature.com/nature/journal/v400/n6743/full/400464a0.html

2002 - Hahn/Weinberg, Rules for making human tumour cells

http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra021902

Hier beschwert sich ein anderer Forscher, dass die von Mr.Hahn übersandten Zellen ganz anders funktionieren:

https://thewinnower.com/papers/cancer-how-many-genes-does-it-take

 

[3.2]

Dass Konzept der "Onkogene" ist genauso wie das später entstandene Konzept der "Tumor Suppressor Gene" in der missverständlichen Handhabung verbreitet, dass hier ein dominanter Durchgriff in der einen oder anderen Richtung vorliegen würde: Ein oder mehrere Onkogene werden aktiviert oder gar mutiert und schon entwickelt sich ein Tumor; ein oder mehrere Tumorsupressorgene werden aktiviert und schon wird ein Tumor gestoppt/verhindert.

Der selbst an Erforschung von Tumorsupressorgenen beteiligte englische Pathologe Henry Harris kritisierte dieses Verständnis in einem skeptischen Rückblick im Jahre 2005:

"Wenn man auf 20 Jahre Kontroverse zurückschaut, ist es möglich abschließend zu sagen, dass eine große Vielfalt von Onkogenen mit verschiedenen Funktionen in verschiedenen Teilen der Zellen phänotypische Änderungen hervorrufen können, die wir allgemein als Transformation bezeichnen. Aber sie tun dies durch Mechanismen, die komplexer sind, als in der Doktrin der genetischen Dominanz impliziert.
Kein einzelnes und keine Kombinationen von Onkogenen können eine Zelle veranlassen kanzerogen zu werden, es sei denn ein oder mehrere Gene, die normalerweise die verschiedenen Elemente eines transformierten Phänotyps unterdrücken, werden deaktiviert. Experimente mit transgenen Tieren demonstrieren ausnahmslos, dass Onkogene keine Tumoren direkt bilden und lediglich eine Prädisposition zur Tumorbildung herstellen. Tumorgenese erfordert letztlich die Intervention anderer genetischer Transformationen und diese erfolgen stochastisch. Was auch immer die Eigenschaft eines Onkogens ist, nach Bildung eines Tumoren wird es entbehrlich."

In einem nature-Artikel von 2004 hatte Harris vorgeschlagen, Krebs als eine Erkrankung des Differenzierungs-Prozesses anzusehen anstelle der üblichen Betrachtung einer Erkrankung der Zell-Multiplikation. Sein Argument war, dass die implizite Annahme, dass die Zelle im Gewebsverband üblicherweise im Ruhezustand verharre, falsch ist. Einzeller seien in der Evolution auf Vermehrung programmiert und wenn im Gewebsverband die einzelnen Zellen sich nicht vermehren, sei nicht die Frage, was die Zellen veranlasst sich zu vermehren, sondern was sie zügelt.

Gleich zu Anfang dieses Artikel spiesst Harris eine Grundannahme auf:

"It is a common assumption that somatic cells do not do multiply unless they are stimulated to do so, and if they do not receive the necessary external or internal stimuli they are said to remain in the ‘resting’ phase. But this assumption is far from self-evident."

Demgegenüber hält er dagegen, dass der Normalzustand von Einzellern (natürlich) die Vermehrung ist, wenns geht, die exponentielle:

"It is entirely plausible to regard exponential multiplication, and not repose, as the cell’s natural steady state."

Insofern stellt sich die Frage für Harris genau anders herum als sie üblicherweise gestellt wird.

"If, given an adequate nutrient supply and a clementphysical environment, a population of cells does not multiply, those cells are not ‘rest-ing’, they are repressed. The question then is not what induces cells to multiply, but what restrains them from doing so."

[3.2]

 

 

 

 

 

2005, Henry Harris, A long view of fashions in cancer research:
http://barnesworld.blogs.com/Harris2005.pdf

(deutsche Übersetzung auf Anfrage)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2004 - Henry Harris, Putting on the brakes

http://www.nature.com/nature/journal/v427/n6971/full/427201a.html

(fulltext auf Anfrage)

[3.3]


Das im Rahmen der somatischen Mutations-Theorie (SMT) seit Jahrzehnten kolportierte Konzept der Onkogene hat sich durch vereinzelte Erfolge bei der „Targeted Therapy“, bei der durch Hemmung von einem oder nur ein paar Tumor-Faktoren erhebliche Tumor-Remissionen möglich wurden, als scheinbar zukunftsweisend erwiesen. So schildert Sawyers die Erfolgsgeschichte von Gleevec gegen die chronische myeloische Leukämie.


Aber obwohl mittlerweile eine jahrzehntelange Onkogen-Forschung weit über 300 Onkogene beschrieben hat, ist die Sicherheit, mit der Onkogene als Ausgangspunkt für maligne Entwicklungen genommen werden, irritierend.


Insofern ist die prophylaktische Brustamputation der bekannten Schauspielerin Angelina Jolie und ihr mediales Echo ein verheerendes Signal gewesen, auch wenn diese Massnahme von manchem genetisch orientierten Krebsforscher begrüsst wurde.

 

 

[3.3]


2008, Weinstein, Oncogene Addiction
http://cancerres.aacrjournals.org/content/68/9/3077.full.pdf+html

2006, Sharma et al., ''Oncogenic Shock'': Explaining Oncogene Addiction through Differential Signal Attenuation
http://clincancerres.aacrjournals.org/content/12/14/4392s.full.pdf+html

 

Sawyers, 2009, The Seeds of Oncogene Addiction

http://www.laskerfoundation.org/awards/pdf/2009_c_sawyers.pdf

 

2007, Ken Garber, New Insights Into Oncogene Addiction Found
http://jnci.oxfordjournals.org/content/99/4/264.full.pdf+html

2009, Luo et al., Principles of Cancer Therapy: Oncogene and Non-oncogene Addiction
http://ac.els-cdn.com/S0092867409002001/1-s2.0-S0092867409002001-
main.pdf?_tid=9ac45e0f15583c8dffe1c33accefa192&acdnat=1339786242_2da636c6b35
ccb79bc7b7fefdf7b0de8

2008, Chial, Proto-oncogenes to Oncogenes to Cancer
http://www.nature.com/scitable/topicpage/proto-oncogenes-to-oncogenes-to-cancer-883

2008, Chial, Tumor Suppressor (TS) Genes and the
Two-Hit Hypothesis
http://www.nature.com/scitable/topicpage/tumor-suppressor-ts-genes-and-the-two-887

Werner Bartens, Leben mit dem Krebsrisiko, 9.7.2013
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/der-naechste-bitte-brustkrebsvorsorge-1.1716646

[3.4]

Eine andere Krebstheorie setzt auf der Gewebs-Ebene an und beschreibt Krebs als "nicht heilende Wunde" (Dvorak, 1986).
Ende 2011 hat eine Forschergruppe des Anderson Cancer Center in Houston die These wieder aufgegriffen, Meng et al..


In dieser Arbeit sind 2 in diesem Kontext besonders zu beachtende Abbildungen hervorzuheben: Zum einen eine Zeitleiste mit insgesamt 8 verschiedenen Krebs-Hypothesen bzw. -Theorien (Fig.1). Zum anderen (in Table 1.) eine Übersicht " Multicellular species with and without wound healing capacity and cancer", anhand derer allein man schon geneigt ist, diese Hypothese weiter verfolgen zu wollen.

Im übrigen ist auffällig, dass bis heute eine Krebs-Diagnose nicht auf Zell-, sonderen auf Gewebs-Ebene gestellt wird, auch wenn einzelne transformierte Zellen in ihrer Andersartigkeit beschrieben werden. Es scheint so zu sein, dass Krebs als Gewebserkrankung natürlich auch auf Zellebene darstellbar ist und man das eine nicht vom andern trennen kann. Ist die Tumorbildung in einem Organ nicht auch so vorstellbar: Das zelluläre biochemische Zentrum des Bindegewebes, der Fibroblast, ändert seinen Stoffwechsel zu einem "Tumor assoziierten Fibroblast" (TAF) und löst dadurch in den epithelialen Zellen des angrenzenden Parenchym-Gewebes die Proliferation aus?

 

[3.4]


2011, Meng et al., A new hypothesis for the cancer mechanism
http://bvatec.files.wordpress.com/2011/12/fulltext.pdf

1986, Dvorak, Tumors: wounds that do not heal.Similarities between tumor stroma generation and wound healing. NEJM, kein abstract oder fulltext öffentlich verfügbar

2012, Antsiferova, The bright and the dark sides of activin in wound healing and cancer
http://jcs.biologists.org/content/early/2012/09/18/jcs.094789.full.pdf

2011, Harless, Cancer treatments transform residual cancer cell phenotype
http://www.cancerci.com/content/pdf/1475-2867-11-1.pdf

2006, Grandics, The cancer stem cell: Evidence for its origin as an injured autoreactive T Cell
http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1476-4598-5-6.pdf

2012, Arwert et al., Epithelial stem cells, wound healing and cancer
http://www.nature.com/nrc/journal/v12/n3/abs/nrc3217.html

Hier ein Papier zum Polyamin-Stoffwechsel:
2011, Hayes, A prolonged and exaggerated wound response with elevated ODC activity mimics early tumor development
http://carcin.oxfordjournals.org/content/32/9/1340.full.pdf

2010, McCarty, Mechanisms of Anti-Angiogenic Tyrosine Kinase Inhibition on Wound Healing—The Obvious and Not So Obvious
http://www.landesbioscience.com/journals/cbt/mccarty1-2.pdf

 

[3.5]

Die „Tissue Organization Field Theory (TOFT)“ als weiteres Konzept der Krebs-Erklärung setzt ebenfalls auf Gewebsebene an und ist entstanden aus der Kritik an der Somatischen Mutations-Theorie (SMT). 

 

Aus ihrer Sicht argumentieren Soto/ Sonnenschein, dass man das Konzept der "Krebszelle" insgesamt beiseitelegen sollte.


Von diesen beiden Autoren liegt auch eine ausführliche Kritik der Hallmark-Papiere von Hanahan/Weinberg vor.

In diesem Kritik-Papier an den "Hallmarks of Cancer" stellen sie gleich am Anfang fest:

"In Hallmarks I [ das ist die "Self-Sufficiency in growth signals" ] it is stated that normal cells remain in a state of passive quiescence and they require growth signals to stimulate them to enter the cycle."

Und halten dann  - ähnlich wie auch Henry Harris - dagegen:

"Based on evolutionary theory, proliferation as the default state is a sine qua non pre-requisite for life (Sonnenschein and Soto, 1999). Thus, it becomes puzzling to explain how data could have been generated and eventually published claiming just the opposite, that is, that quiescence was instead the default state of cells in metazoa."


 

 

[3.5]

2011, Soto/ Sonnenschein, The tissue organization field theory of cancer: A testable replacement for the somatic mutation theory


http://www.icts.res.in/media/uploads/Talk/Document/BIOESSAYS%202011%20332-
340%20AS-CS.pdf

 

2011, Soto/ Sonnenschein, The Death of the Cancer Cell

http://cancerres.aacrjournals.org/content/71/13/4334.full.pdf

 

2013 - The aging of the 2000 and 2011 Hallmarks of Cancer reviews: A critique

http://www.ias.ac.in/jbiosci/sep2013/651.pdf

 

Buch von Sonnenschein / Soto, 1999:

The Society of Cells


2013 stellen sie die Frage: One hundred years of somatic mutation theory of carcinogenesis:
Is it time to switch?

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/bies.201300160/pdf


 

[3.6]

Georg F. Weber hält in seiner Übersicht "Theories of Carcinogenesis" fest: "In the evolution of research progress from a reductionist to a comprehensive understanding of cancer, interactions between the host and the cancer cells have recently received inreasing attention."

Douglas Hanahan spricht ebenfalls davon, dass der Blick erweitert werden müsse und will ein "holistisches" Konzept verfolgen, wenngleich er mit einer militaristischen Terminologie den entscheidenden Schwenk weg vom "War on Cancer" noch nicht vollzogen hat. Für ihn ist Krebs immer noch der "enemy" und der Körper des Krebspatienten ein "battlefield", das man in Zukunft nur "integrativer" angehen muss.

[3.6]

Das Buch von Weber ist als google-Buch online zu lesen:

Georg F. Weber, 2007, Molecular Mechanisms of Cancer

Kapitel 1, Theories of Carcinogenesis

http://books.google.de/books?id=CsxM2iyiug4C&pg=PA6&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=3#v=onepage&q&f=false

 

2013, Hanahan, Rethinking the War on Cancer

 

http://infoscience.epfl.ch/record/195164/files/Hanahan-Cancer_Wars2-Lancet2013%5B3%5D.pdf


Teil 4 - Genetik / Epigenetik


Überlegungen / Thesen
Referenzen

[4.1]

Veränderungen an der Zellkern-DNA bzw. an deren chromosomaler Verpackung, ohne dass die Struktur berührt ist, sind epigenetische Veränderungen. Diese können zustande kommen aufgrund von inneren Prozessen aber auch aufgrund von Umwelteinflüssen.

Sie finden auf 4 Ebenen statt: Der DNA-Methylierung, der Histon-Modifikation, der Nukleosom-Positionierung und der Histon-Varianten sowie der mikro-RNA.

Eine ausführliche tabellarische Darstellung der epigenetischen Veränderungen durch Umweltschadstoffe (von den Schwermetallen über Pestizide, Benzol, Dioxin bis hin zum Diethylstilbestrol) findet sich bei Hou et al., 2012.

Generell folgt also für die Frage, welche Bedeutung haben unsere Gene für die Krebs-Entwicklung, zweierlei: Zunächst ist zu unterscheiden, ob es direkte DNA-Veränderungen gibt oder ob es sich um epigenetische Veränderungen handelt. Sodann ist dieses "doppelte Genom" zu berücksichtigen, d.h. auch die Rolle der Mitochondrien.

Neben der Zellkern-DNA gibt es in unseren eukaryotischen Zellen auch eine mitochondriale DNA. Reparatur-Mechanismen gibt es für die Zellkern-DNA, nicht aber für die mtDNA, hier gibt es eine gewisse Anzahl Kopien (100 bis 10.000) der insgesamt 37 Gene.

WIr haben also neben dem Kern- und mitochondrialem Genom ein Epigenom, aber darüberhinaus auch noch ein Mikrobiom als Gen-Pool aller uns besiedelnden Mikroorganismen (10 mal mehr als der eigene Pool). Dieses Mikrobiom hat seinerseits wiederum Einfluss auf unser eigenes Genom.

Ausserdem: Das eigene Genom scheint massiv durchsetzt zu sein mit viralen Spuren der Evolution - s. hier den Vortrag von Frau Kamphuis.

Es folgt aus all dem: Ein genetischer Determinismus, wie er früher üblich war und wie er in der missverständlichen Interpretation genetischer Dominanz durch Onkogene oder Tumorsuppressorgene zum Ausdruck kommt, ist nicht mehr ein adäquates Erklärungsmodell.

Das "zentrale Dogma der Molekularbiologie", also die Folge DNA=>Transkription=>Translation=>Proteinsynthese, hat zwar als Baustein weiterhin seine Funktion, aber sowohl ist die einseitige Informations-Richtung als auch der alleinige Bezug auf die Kern-DNA mittlerweile überarbeitet und ergänzt.

 

[4.1]

 

Was ist Epigenetik?

http://epigenome.eu/de/1,1,0

 

2008, Szyf et al., Epigenetics, Behavior, and Health


http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2869339/pdf/1710-1492-4-1-37.pdf

Ein schönes Überblicks-Bild findet sich bei Spektrum der Wissenschaft:

http://www.spektrum.de/alias/biologie/epigenetik-kurz-erklaert/1192047

Ebenfalls hier, auf Seite 2:

Hou et al., 2012: Environmental chemical exposures and human epigenetics

NIH Human Microbiome Project:
 

http://www.hmpdacc.org/

A framework for human microbiome research


http://www.nature.com/nature/journal/v486/n7402/pdf/nature11209.pdf

Structure, function and diversity of the healthy human microbiome


http://www.nature.com/nature/journal/v486/n7402/pdf/nature11234.pdf

2009, Editorial, Kieran Tuohy, The Human Microbiome – A Therapeutic Target for Prevention and Treatment of Chronic Disease


http://benthamscience.com/cpd/contabs/cpd15-13.htm

2011, Cani/ Delzenne, The gut microbiome as therapeutic target


http://www.ulouvain.be/cps/ucl/doc/ir-ldri/images/CANIPHARMACOLTHER2011.pdf

2011, Proal et al., Autoimmune disease and the human metagenome


http://autoimmunityresearch.org/transcripts/AR-Proal-Metagenome.pdf

2011, Andrea Kamphuis, Humane endogene Retroviren – der Film

http://autoimmunbuch.de/?p=338

2001, Strohmann, Beyond genetic determinism

http://www.sbs.utexas.edu/genetics/literature/cpr/geneticepigenetics-strohman.pdf

Thieffry, Sarkar, Forty years under the central dogma, 1998

http://uts.cc.utexas.edu/~consbio/Cons/FortyYears1998.pdf

Michel Morange, Fifty years under the central dogma, 2008
 

http://www.ias.ac.in/jbiosci/jun2008/171.pdf

Bruno Strasser, A World in One Dimension: Linus Pauling, Francis Crick and the Central Dogma of Molecular Biology, 2006
 

http://biologie.unige.ch/assets/brunostrasser/Strasser_HPLS_2006.pdf

Carrier, Finzer, Explanatory Loops and the Limits of Genetic Reductionism, 2006
 

http://www.uni-bielefeld.de/philosophie/personen/carrier/Explanatory-Loops-and-the-Limits-of-Genetic-Reductionism.pdf


 

[4.2]

GENUK e.V. hat im November 2012 in Hamburg ein Mini-Symposium veranstaltet (zusammen mit keme e.V.). Hier wurde von Prof. Renz ein Vortrag zu den Umwelt-Gen-Interaktionen gehalten, bezogen auf die Zunahme der allergischen Erkrankungen. Dieser Vortrag kann als Vorlage dienen für die Ausarbeitung der Umwelt-Gen-Interaktionen bezogen auf Krebs, er kann als gute Einführung in Epigenetik gelesen werden.

Dazu ein Papier aus dem IARC von 2002.

 

[4.2]

Mini-Symposium, 6.11.2012: Approaches to Environmental Illnesses

Einladungs-Flyer Mini-Symposium

 

Renz, 2012, Allergic diseases - Gen-Environment Interactions

Eigener Bericht von dem Vortrag von Prof. Renz am 6.11.2012

 

Paul Brennan, IARC, 2002: Gen-environment interaction and aetiology of cancer: what does it mean an how can we measure it?

http://carcin.oxfordjournals.org/content/23/3/381.full.pdf+html

 

[4.3]   

Der genetische Determinismus ist überholt und die daraus abgeleitete Erklärung der Krebsgenese durch DNA-Veränderungen (Mutationen) muss mindestens durch epigenetische Veränderungen ergänzt werden, die aber reversibel sind und die ständigen Umwelteinflüssen ausgesetzt sind.

Eine Forschergruppe vom Norris Cancer Center in Los Angeles unter Leitung von Peter A. Jones schreibt: "The epigenetic revolution that has come about in the field of biology during the last few decades has challenged the long-held traditional view of the genetic code being the key determinant of cellular gene function and its alteration being the major cause of human diseases."

Und weiter: "Advances made in the field of cancer epigenetics have led to the realization, that packing of the genome is potentially as important as the genome itself".  (Sharma, 2010)

Eine andere Forschergruppe in Oxford, UK, schliesst sich dem an:

"In fact, it is now irrefutable that many of the hallmarks of cancer, such as malignant self-renewal, differentiation blockade, evasion of cell death, and tissue invasiveness are profoundly influenced by changes in the epigenome." (Dawson, 2012)

Die Jones-Gruppe geht in einem Review im Jahre 2012 noch einen Schritt weiter:

"The fact that the epigenome acts at the pinnacle of the hierarchy of gene control mechanimsm ..."  -  "Die Tatsache, dass das Epigenom an der Spitze genetischer Regulierung wirksam wird ..."

Da epigenetische Veränderungen / Schädigungen im Prinzip reversibel sind, ergibt sich hier ein neues Feld therapeutischer Möglichkeiten, aber auch ein ganz anderer Blick auf die Prävention.

Auf allen 4 Ebenen der epigenetischen Regulation werden Medikamente entwickelt, seien es Enzymhemmer dort, wo Enzyme beteiligt sind (DNA-Methyltransferasen, Histon-Acetyltransferasen, Histon-Deacetylasen, Histon-Demethylasen, Histon-Methyltransferasen) oder synthetische mikro-RNA zur Mimikrierung der Funktion der mikroRNA oder weitere. Es sind bereits einige epigenetische Krebs-Medikamente zugelassen.

Für die Prävention ergibt sich die Fragestellung, welche Umweltschadstoffe bzw. schädlichen Umwelteinwirkungen haben mittels epigenetischer Schädigungen die Wirkung, zur Krebsgenese beizutragen?


[4.3]

 

 

 

 

 

Sharma et al., 2010, Epigenetics in cancer

http://carcin.oxfordjournals.org/content/31/1/27.full.pdf+html

 

 

 

 

 

Dawson et al., 2012, Cancer epigenetics: From Mechanism to Therapy

http://www.cell.com/cell/pdf/S0092-8674(12)00762-3.pdf

 

 

You & Jones, 2012, Cancer Genetics and Epigenetics: Two Sides of the Same Coin?

http://www.cell.com/cancer-cell/pdf/S1535-6108(12)00257-7.pdf

 

 

 

[4.4]

Eine weitere Korrektur an einem klassischen Konzept der Krebsentstehung bietet sich angesichts der Forschungsergebnisse zur Epigenetik an: Das Phasenmodell, bestehend aus den 4 Phasen Initiation, Promotion, Progression, Metastasierung. Es geht zurück auf eine Arbeit von Isaac Berenblum aus dem Jahr 1941.

Dieses Phasenmodell, das ja in der Initiations-Phase eine oder mehrere Mutationen hypothetisiert, ist unter Betroffenen immer ein Schrecken gewesen, weil hier die scheinbar schicksalhafte Krankheitsentwicklung bis hin zum Krebstod vorgezeichnet schien.

In dem schon angeführten Review von You & Jones heisst es nun:

"During tumor initiation and progression, the epigenome goes through multiple alterations, including a genome-wide loss of DNA methylation (hypomethylation), frequent increases in promoter methylation of CpG islands, changes in nucelosome occupancy, and modifacation profiles."

Es ist sinnvoll, sich den gesamten Einleitungs-Abschnitt dieses Reviews durchzusehen, weil hier zusammengefasst wird, wie das durch Klassiker wie Hanahan/Weinberg vertretene Paradigma von akkumulierten Gen-Mutationen entscheidend verändert wird.

Es geht also zunächst nicht darum, zu diskutieren, ob Gen-Mutationen mit Krebs was zu tun haben oder nicht bzw. ob sie überhaupt vorhanden sind (in entwickelten Tumoren sind X Mutationen vorhanden, leider meist andere, obwohl es natürlich wiederkehrende gibt), es geht auch nicht darum, entscheiden zu müssen, ob Krebs denn nun eine genetische oder eine chromosomale oder eine epigenetische Erkrankung ist, sondern es geht darum, sich klarzumachen, dass die gegenwärtige Krebsforschung erst dabei ist, die wahnsinnig komplexen Regulierungs-Netzwerke (fernab von einzelnen linearen "pathways" = linear ablaufenden Stoffwechselwegen) zu erkennen und einzubeziehen.

 

[4.4]

Isaac Berenblum, 1941, The mechanism of carcinogenesis: A study of the significance of carcinogenetic actions and related phenomena         

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.3322/canjclin.31.4.241/pdf

 

 

You & Jones, 2012, Cancer Genetics and Epigenetics: Two Sides of the Same Coin?

http://www.cell.com/cancer-cell/pdf/S1535-6108(12)00257-7.pdf

 

Teil 5 - Krebs und Umwelteinflüsse

 


Thesen
Referenzen

[1.]
Überdauernder Zell- und Gewebestress auf Substanz- und auf Feld-Ebene hat parallel zum Ausbau extensiver chemischer und elektromagnetischer Veränderung unserer uns umgebenden Mitwelt insbesondere seit dem 2ten Weltkrieg stark und alltäglich zugenommen und damit auch uns selbst verändert.
Z.B. ist auf dem Wege der Wirkung u.a. von endokrinen Disruptoren der humane Fortpflanzungszyklus bereits in die Gefahrenzone gekommen und ein Gutteil des Anstiegs der hormonabhängigen Tumore zu erklären.
Dies ist ein Sachverhalt, der eindringlich vor Augen führt, dass wir neben der menschengemachten Klimaveränderung einen weiteren menschengemachten Grossversuch zur Gefährdung des eigenen Überlebens zu gewärtigen haben.

 

wird fortgesetzt ...  ]

[1.]
Jürgen Paeger, Gifte in der Umwelt
http://www.oekosystem-erde.de/html/chemikalien.html

Christopher Williams, Endstation Gehirn, Die Bedrohung der menschlichen Intelligenz
durch Vergiftung der Umwelt, Klett-Cotta, 2003

2010, Soto/Sonnenschein, Environmental causes of cancer: endocrine
disruptors as carcinogens
http://www.bu-eh.org/uploads/Main/Soto%20EDs%20as%20Carcinogens.pdf

Teil 6 - Krebs und Umweltmedizin

 

 

============>  bis hierher version vom 25.09.2014