Sie befinden sich hier:

16.11.2016: SWR-Film - Chemie, die unter die Haut geht

Ein weiterer Film von Bärbel Merseburger-Sill zum Thema "Chemie, die unter die Haut geht" ist am 16.11. vom SWR ausgestrahlt worden.

Zitat von der homepage der SWR-prisma-Redaktion in der Sendereihe [betrifft] - Links sind von uns hinzugefügt:

"Bereits Anfang 2016 forschte "betrifft" nach versteckten Krankmachern in diversen Pflegeprodukten. Nun überprüfen die Reporter erneut das Angebot des Marktes. "Wer schön sein will, muss leiden", weiß der Volksmund. Doch der hat bei diesen Worten wohl keine Krebserkrankungen und Fruchtbarkeitsstörungen im Sinn. Das solch schwerwiegende Gesundheitsprobleme womöglich auf Zusatzstoffe in Kosmetika zurückzuführen sind, zeigten die SWR-Reporter in der Episode "Gift in Shampoos und Cremes - Chemie, die unter die Haut geht" vom 24. Februar 2016 auf. Darin wurde erläutert, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO für die gestiegene Zahl einiger Krebserkrankungen Umwelteinflüsse verantwortlich macht. Ein Londoner Toxikologe erklärte, dass hinter diesen chemische Stoffe stehen, die auch vielen Cremes beigemischt werden.

Der Stand der Dinge

Nun möchte Bärbel Merseburger-Sill wissen, ob sich in den vergangenen Monaten etwas zum Besseren verändert hat. Tatsächlich findet sie bei ihrem Streifzug durch die Drogeriemärkte einige Kosmetika, bei denen die schädlichen Inhaltsstoffe aus den Rezepten gestrichen wurden. Doch viele Hersteller setzen weiter auf die möglichen Krankmacher, so wird unter anderem Formaldehyd als Konservierungsmittel verwendet. Merseburger-Sill weist noch einmal auf betroffene Pflegeprodukte hin und erklärt mit welchen Gesundheitsschäden sie in Verbindung gebracht werden. Wie bei Lebensmittel gilt auch hier: Man sollte sich gründlich mit den Inhaltsstoffen auseinandersetzen"

Der in beiden Filmen angesprochene Report der WHO "Endocrine Disrupting Chemicals" aus dem Jahre 2012 ist hier herunterladbar.

Chemie, die irreversibel schädigt

Es lohnt sich, diesen Film im einzelnen zu diskutieren.

In dem WHO-Report aus 2012 wird davon gesprochen, dass die EDCs (Endocrine disrupting chemicals) mittlerweile eine globale Bedrohung darstellen, 'global threat'. Dazu Zitat Prof. Kortenkamp, bei Minute 8:20 : "Diese Schlussfolgerung basiert auf vielen Faktoren, z.B. ganz wichtig, eine Untersuchung der Krankheitsbilder über die Zeit. Alle hormonellen Krebse sind angestiegen bzw. bilden ein Plateau, gehen nicht runter. Viele andere hormonelle Krankheiten sind auch hochgegangen. Die Trends gehen alle in die falsche Richtung. Diese Trends zeigen sich in sehr vielen unterschiedlichen Ländern, aus diesem Grunde spricht man jetzt von einer globalen Bedrohung."

Die Film-Stimme fragt daraufhin: "Sind endokrine Disruptoren etwa Gift für unseren Körper?" Kortenkamp: "Endokrine Disruptoren sind ohne Zweifel Gifte für unseren Körper, und zwar deshalb weil sie, je nachdem was wir jetzt betrachten, irreversible Wirkungen auslösen können, die für den Rest des Lebens bestehen bleiben."

Chemie, die die Fruchtbarkeit schädigt

Bei Minute 14:16 konstatiert Andreas Gies vom Umweltbundesamt: "Wenn wir uns die Daten anschauen in Deutschland, der Konzentration von Spermien im Ejakulat von jungen Männern, dann finden wir in den letzten 50 Jahren einen deutlichen Rückgang. Wir haben 1950 noch ungefähr 100 Millionen Spermien pro ml - dann sind es heute, die letzte Untersuchung die wir haben, ungefähr nur noch 44 Millionen. Und bei Konzentrationen unter 50 Millionen dauert es länger, bis ein Paar ein Kind kriegen kann. D.h. diese Männer sind heutzutage zu mehr als der Hälfte -müssen wir daraus schliessen- in ihrer Fruchtbarkeit eingeschränkt."

"Chemicals in the Environment which Enterfere with the Endocrine Systems of Humans and Wildlife" - so ist ein Report von Gies et al. betitelt, den man sich beim UBA herunterladen kann und in dem auch die o.a. Ergebnisse zum Niedergang der männlichen Spermienproduktion belegt ist.

"Und Sie machen ganz eindeutig hormonell wirksame Chemikalien dafür verantwortlich?", fragt die Film-Stimme. Gies: "Ich denke, dass die Wirkung von hormonell wirksamen Chemikalien die wahrscheinlichste Theorie ist, um diesen Rückgang zu erklären. Wir haben viele anderen Theorien untersucht - ob die Hosen enger geworden sind, hat die Wissenschaft untersucht. Es ist nichts hängengeblieben. Es war keine Hypothese da, die genauso stark wäre wie die von den Wirkungen der Chemikalien auf diese Entwicklung."

Film-Stimme: "Eine Hypothese, die auch Reproduktionsmediziner Dr. Eisenhardt unterstützt. In seinem privaten Kinderwunsch-Zentrum im baden-würrtembergischen Neckarsulm hat er zunehmend männliche Patienten mit Fruchtbarkeitsstörungen, wie er uns berichtet. Das sieht er an den Spermiogrammen, die er regelmässig untersucht. Sie zeigen Auffälligkeiten, die es in solchem Ausmass früher nicht gab"

Eisenhardt: "Wir beobachten immer häufiger Einschränkungen der männlichen Fruchtbarkeit. Wir sehen es einfach bei den Spermiogrammen. Dass die

  • Anzahl der Spermien abnimmt,
  • die Beweglichkeit der Spermien
  • und auch die Form der Spermien. Das sind diese drei wichtigen Parameter."

Chemie, die vom BfR nach wie vor als sicher eingestuft wird

"Wie kommt es", fragt die Film-Stimme bei Minute 18:03, "dass das Bundesinstitut für Risikobewertung bestimmte Parabene trotz aller Bedenken als sicher und unbedenklich bewertet? Wir kontaktieren das BfR in Berlin und fragen nach. Das Institut teilt uns mit, dass die Kosmetikindustrie ihren Cremes in der Tat bestimmte Parabene bis zu einer gewissen Konzentration beimischen darf. Diese zugelassenen Mengen gelten als sicher, wie Bärbel Vieth uns gegenüber betont. Sie zitiert den berühmten Arzt und Philosophen Paracelsus:"

Vieth/BfR: "Diese Substanzen werden von einem internationalen unabhängigem Expertengremium bewertet - wie alle zulassungspflichtigen kosmetischen Inhaltsstoffe, dazu gehören Parabene als Konservierungsmittel in kosmetischen Mitteln. Und da muss man immer sagen: Der Satz von Paracelsus 'Die Menge macht das Gift' der gilt auch heutzutage noch uneingeschränkt."

Parcelsus gilt uneingeschränkt?

Film-Stimme: "Gibt es also eine sichere Dosis für endokrine Disruptoren in unseren Kosmetik-Produkten? Eine, die unbedenklich ist für unsere Gesundheit? Wir fragen den Toxikologen Prof. Kortenkamp:"

Kortenkamp: "Es gibt so einige Annahmen -die Dosis macht das Gift- obwohl Paracelsus gerade das Umgekehrte gesagt hat. Er hat gesagt 'Alles ist giftig. Nur die Dosis macht, dass etwas nicht Gift ist.' Aber im Zusammenhang mit den endokrinen Disruptoren bricht das so ein bischen zusammen wegen der Eigenschaft der Hormone, irreversibel die Programmierung unserer Entwicklung zu steuern. Das muss irreversibel sein, ist also eine sehr starke Wirkung. So dass also nicht alleine die Dosis ausschlaggebend ist, sondern z.B. auch die Zeit der Exposition, das Wirkungsfenster, die Dauer der Exposition."

Diese Gegenüberstellung anhand des Paracelsus-Zitates ist auch in der Anhörung des Agrarausschusses des Bundestages zum Glyphosat vom 28.09.2015 nachzusehen, dort sind die Kontrahenten Prof. Greim und Prof. Greiser, siehe dazu eine eigene Seite.

"CBG: Hormon-ähnliche Chemikalien"

"Chemikalien haben viele gesundheitsgefährdende Eigenschaften. Eine der unheimlichsten: Manche Substanzen wirken ähnlich wie bestimmte körpereigene Stoffe und können damit den menschlichen Organismus gehörig durcheinanderwirbeln. So gleichen bestimmte Pestizide, Weichmacher oder andere Produkte wie etwa Bisphenol A in ihrem chemischen Aufbau Hormonen. Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit, Unfruchtbarkeit und andere Gesundheitsstörungen beschreiben MedizinerInnen als mögliche Folge. Darum will die EU die VerbraucherInnen besser vor diesen Produkten von BAYER & Co. schützen. Aber die Konzerne torpedieren dies nach Kräften. Ein Lehrstück in Sachen „Lobby-Arbeit“."

Hier weiterlesen

HEAL webinar zu den endokrinen Disruptoren

Im Jahr 2014 veranstaltete HEAL (Health and Environment Alliance) ein Internet-gestütztes Seminar (webinar genannt) zu den endokrinen Disruptoren mit Prof. Andreas Kortenkamp.

Hier die entsprechende Seite, auf der auch die Vortrags-Folien von Prof. Kortenkamp heruntergeladen werden können.

Zurück