Die historische Entwicklung der Kontroversen in der Umweltmedizin
In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entstanden die ersten Ansätze der Umweltmedizin. Insbesondere seit den 90er-Jahren gibt es im Verständnis umweltassoziierter Erkrankungen jedoch zwei grundlegend gegensätzliche Positionen:
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Die Position der institutionellen Umweltmedizin (bevölkerungsorientiert, primär präventiv ausgerichtet, Public Health). Die institutionelle Umweltmedizin zieht eher in Betracht, dass nicht Umweltfaktoren (z.B. Chemikalien oder Strahlung) für gesundheitliche Probleme verantwortlich sind, sondern dass die subjektive Bedeutung und die Psyche eines Menschen eine große Rolle bei der Entstehung und Wahrnehmung von körperlichen Symptomen spielen. Diese industriefreundliche Sichtweise, die die Kausalität und damit die Verantwortung auf die Betroffenen verschiebt, wird auch in den universitären Umweltambulanzen weitgehend vertreten. Die Umweltmedizin im Gesundheitsschutz gehört als staatliche Aufgabe auch zum Bereich der institutionellen Umweltmedizin.
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Die Position der klinischen, systemmedizinisch ausgerichteten Umweltmedizin (patientenbezogen, individualmedizinisch). Sie umfasst die medizinische Betreuung von Einzelpersonen mit oft multikausal bedingten gesundheitlichen Beschwerden, die u.a. oder vorwiegend auf Umweltfaktoren zurückgeführt werden können. In den Kliniken und Arztpraxen der klinischen Umweltmediziner_innen werden die durch die Umwelt bedingten Anteile bei komplexen Erkrankungen nicht negiert, sondern diagnostiziert und behandelt.
„Die klinische Umweltmedizin ist eine Fachrichtung, die sich mit der Erkennung, Erforschung, Diagnose, Behandlung und Vermeidung gesundheitlicher Störungen ebenso auseinandersetzt wie mit der Erkennung, Erforschung, Bewertung und Minimierung von Risiken, die durch die Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt entstehen. Die Bewertung dieser Risiken muss die individuelle Suszeptibilität und die speziellen Charakteristika komplexer Einflüsse einbeziehen.“
Quelle: Europäische Akademie für klinische Umweltmedizin e. V. (EUROPAEM). Website ist nicht mehr verfügbar, Abruf des Zitats zuletzt möglich 2024:
https://web.archive.org/web/20241007195711/https://europaem.eu/klinische-umweltmedizin
Dr. med. PETER OHNSORGE († 2021) hat sich gesundheitspolitisch für die Belange Umwelterkrankter und die klinische, systemmedizinisch ausgerichtete Umweltmedizin eingesetzt. In diesem Beitrag von 2013 schilderte er die beiden Positionen:
Ein historisches Beispiel der institutionellen Sichtweise ist folgender Artikel aus dem Jahr 1996. Schon damals wurde die Entstehung umweltbedingter Krankheitsbilder durch Umweltfaktoren infrage gestellt. Damals wie heute wurde und wird lediglich von „vermuteten“ Kausalzusammenhängen gesprochen. Vielfach- und Komplexwirkung (sogenannte „Cocktailwirkungen“) werden noch heute kleingeredet.
Auf den Punkt:
"Die Klinische Umweltmedizin hat sich als ein interdisziplinärer Fachbereich etabliert. Durch komplexe Wahrnehmung umweltassoziierter Erkrankungen und deren differenzierte Diagnostik und Therapie unterscheidet sie sich klar vom Bereich Umwelt & Gesundheit (Public Health). Die frühzeitige Identifikation von durch die Umwelt ausgelösten Erkrankungsprozessen prädestiniert die Klinische Umweltmedizin, rechtzeitige primäre Prävention zu starten. Mit jahrelanger klinischer Erfahrung in der erfolgreichen Betreuung Umwelterkrankter, eigener wissenschaftlicher Arbeiten sowie einem umfangreichen Pool spezifischer Patientendaten stellt sich die Klinische Umweltmedizin als effizienter Partner für universitäre Lehre und Forschung dar."
Fehldiagnosen
Dr. Ortwin Zais zeigte 2017 auf, was geschieht, wenn die tatsächlichen Ursachen der Krankheit nicht erkannt werden:
"In Ermangelung einer Diagnose werden die Patienten zu psychisch Kranken ernannt, als solche mit Psychopharmaka behandelt, erfolglos in langwierige Rehabilitationsmaßnahmen geschickt. Erfolglos, weil diese Menschen nicht psychisch krank sind. Und im weiteren Verlauf kommt die Frührente auf den Verschiebebahnhof der Kostenträger. Ein sozialer Tsunami kommt auf uns zu. Und überrollt uns gnadenlos."
Siehe dazu auch die Dokumentation „Basisdaten Psychische Erkrankungen“ (Januar 2022) der "Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V." (DGPPN):
"Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und muskuloskelettalen Erkrankungen zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben zudem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um 10 Jahre verringerte Lebenserwartung."
Wie groß ist wohl der Anteil umweltbedingt oder -assoziiert Erkrankter an dieser Patientengruppe, die fälschlicherweise eine psychopathologische Diagnose erhalten haben?
Umweltmedizinische Weiterbildung - abgeschmettert
Während zwischenzeitlich eine Annäherung der beiden Positionen versucht wurde und auch greifbar schien, ist die Situation mittlerweile verhärtet. Insbesondere das Jahr 2018 stellte eine Zäsur dar, da beim 121. Deutschen Ärztetag vom 8. bis 11.5. 2018 in Erfurt der Antrag auf Aufnahme der „klinischen Umweltmedizin“ als zertifizierte Zusatzweiterbildung in die Zusatz-Weiterbildungsordnung im Schnellverfahren abgeschmettert wurde.
"Die rasche Etablierung der neuen Weiterbildungs-Zusatzbezeichnung „Klinische Umweltmedizin“ hätte den notwendigen nächsten Schritt bedeutet, diese Versorgungslücke ärztlicher Fachkompetenz schnell aufzufüllen. Bei der dramatisch zunehmenden Umweltbelastung und den daraus folgenden Umwelt-assoziierten chronischen Erkrankungen ist das Fehlen von Ärzten, die in Klinischer Umweltmedizin fundiert weitergebildet sind, schon längst offensichtlich."
Betroffene meldeten sich zum Thema der umweltmedizinischen Weiterbildung zu Wort und schilderten die Konsequenzen für Betroffene:
2019_WEITERBILDUNG Offener Brief Selbstfhilfegruppen.pdf (131,9 KiB)
Siehe auch den Appell der EGGBI / Europäische Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene (Internet- Informationsplattform zum Thema Wohngesundheit und Umwelterkrankungen) an die Präsidenten der Landesärztekammern und die Delegierten des 121. Deutschen Ärztetages (2018):
https://www.eggbi.eu/fileadmin/EGGBI/PDF/Appell_zum_121._AErztetag_Mai_2018.pdf
Umweltmedizin aktuell
Weitere Informationen zur Umweltmedizin (mit Expertensuche):
Die Europäische Gesellschaft für Klinische Umweltmedizin e. V. (EGKU) ist ein Zusammenschluss aus Europäische Akademie für Klinische Umweltmedizin (EUROPAEM) und Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner e.V. (dbu). Die beiden Verbände wurden zusammengeführt und aufgelöst.
https://www.egku.eu/was-ist-umweltmedizin
Schlüsseldokumente der klinischen, systemmedizinisch ausgerichteten Diagnostik und Behandlungs-Optionen: